Unterschiedliche Ansprüche an Nähe und Distanz
Helene und Franz sind seit knapp 1,5 Jahren zusammen. In der ersten Phase der Verliebtheit, in der sie viele Gemeinsamkeiten entdeckt hatten, sind die beiden in eine gemeinsame Wohnung gezogen. Ein halbes Jahr später kam es immer häufiger zu Meinungsverschiedenheiten. Während Helene die Zeit mit Franz zwar genießt, hat sie recht schnell gemerkt, dass sie gerne auch mal wieder etwas allein unternehmen möchte. Auch Zeit mal nur mit ihren Freunden zu verbringen, fehlt ihr sehr. Daher hat sie in letzter Zeit häufiger mal Unternehmungen geplant, bei denen Franz nicht dabei ist. Sie träumt immer häufiger davon, mal allein in den Urlaub zu fahren, so wie sie es während ihrer Studienzeit gerne getan hat.
Franz würde am liebsten jede freie Minute mit Helene verbringen. Daher war es für ihn auch wichtig, möglichst schnell mit Helene zusammen zu ziehen. Dass sie nun immer häufiger Unternehmungen ohne ihn plant, verletzt ihn sehr. Manchmal zieht sie sich sogar abends allein in ein Zimmer der gemeinsamen Wohnung zurück und möchte nicht gestört werden. Dass sie letztens sogar von einem Urlaub gesprochen hat, den sie ohne ihn machen möchte, ist für ihn schon fast ein Beweis dafür, wie wenig sie die Beziehung mit ihm schätzt. Franz fühlt sich zurückgesetzt und vernachlässigt. Ein Gefühl von Hilflosigkeit breitet sich in ihm aus. Einerseits sehnt er sich nach ihrer Nähe und würde alles darum geben, dass es wieder so wird wie früher, andererseits wird er innerlich immer zurückhaltender ihr gegenüber, da er Angst hat, kurze Zeit später wieder verletzt zu werden, wenn sie sich wieder von ihm distanziert.
Da dieser Konflikt für die beiden nicht auflösbar war, kamen sie nach zweieinhalb Jahren in die Paarberatung. Schnell wird klar, dass hinter den unterschiedlichen Interessenslagen jeweils Geschichten stehen, die es beiden so gut wie unmöglich machen, auf den anderen zuzugehen. Im Gegenteil, je mehr Nähe Franz sich wünscht, desto weniger kann Helene darauf eingehen und je mehr Helene auf Distanz geht, desto mehr Nähe braucht Franz, um sich sicher in dieser Beziehung zu fühlen.
Bedürfnisse verstehen
In der Paarberatung lernen die beiden, sich gegenseitig, aber auch sich selbst besser zu verstehen. Ein wichtiger Part bestand darin, die Bedürfnisse des anderen wahrzunehmen, ohne sie persönlich nehmen zu müssen. Ein weiterer sehr wesentlicher Punkt war der, zu erkennen, dass beide sehr unflexibel waren und gegenteilige Bedürfnisse bei sich selbst kaum zulassen konnten. So hatte Helene Schwierigkeiten damit, ihre Bedürfnisse nach Nähe überhaupt wahrzunehmen. Für Franz war es äußerst ungewohnt, auch mal den Wunsch zu verspüren, allein zu sein.
Helene und Franz erkannten, dass bei ihnen beiden Nähe und Distanz zu einem Trigger geworden waren, der alte Ängste auslöst. Beide hatten jeweils nur einen der beiden Pole besetzt und sich gegenseitig darin verstärkt. Sie erkennen im Laufe der Therapie, dass sie bisher beide nicht frei waren in ihrer Art auf den anderen zu reagieren, sondern dass sie im Grunde genommen auf Erfahrungen aus ihrer Vergangenheit reagiert haben. Für Helene war es befreiend und wichtig, auch die inneren Anteile, die sich nach Nähe sehnen, wieder zulassen zu können. Bislang hatte sie Nähe vor allem mit dem Zwang verbunden, sich anpassen zu müssen. Franz fühlt sich wieder freier, da er die Anteile, die sich nach Selbstbestimmtheit und Unabhängigkeit sehnen, besser spüren kann, ohne in Angst zu geraten, damit die Beziehung zu gefährden. Das hilft ihm auch, sich trotzdem sicher in der Beziehung zu fühlen, selbst wenn Helene ab und zu ihren persönlichen Freiraum einfordert. Ihre Beziehung steht nun auf einer anderen Basis, auf der für sie beide mehr Freiraum und Nähe möglich ist.

Hintergründe:
Helene stammt aus einem sehr behüteten, aber auch sehr strengen Elternhaus. In ihrer Kindheit und Jugend gab kaum Möglichkeiten, ihren eigenen Bedürfnissen und Interessen nachzugehen und sie war oft gezwungen, sich den sehr engen Vorstellungen ihrer Eltern anzupassen. Als junge Frau hatte sie sich zum ersten Mal gegen die starren Vorstellungen ihrer Eltern aufgelehnt, als es um die Wahl ihres Studienfaches ging.
Ihre Unabhängigkeit und Freiheit, die sie gegen viele Widerstände aus ihrem Elternhaus stark erkämpfen musste, sind für sie ganz eng mit dem Gefühl von Lebendigkeit verknüpft. Der Gedanke, sich dem Bedürfnis nach Nähe von Franz anpassen zu müssen, versetzt sie direkt in die Enge ihrer Kindheit zurück und sie hat dadurch oft das Gefühl, nicht mehr richtig atmen zu können. Je mehr Franz darauf besteht, Zeit mit ihr zu verbringen, desto stärker wird das Bedürfnis, sich davon zu befreien und noch weiter auf Abstand zu ihm zu gehen.
Für Franz, der mit einer depressiven Mutter aufgewachsen ist, die aufgrund ihrer Erkrankung emotional wenig anwesend war, lösen die Momente, in denen Helene sich zurückzieht, ein starkes Gefühl von Alleinsein und Verlassenheit aus. Die wenigen Phasen, in denen er als Kind sich wirklich geliebt und angenommen gefühlt hat, waren die, in denen es seiner Mutter gut ging. Daher ist bei ihm die Sehnsucht nach einer Partnerin, die für ihn da ist und ihm deutlich zeigt, dass sie ihn an seiner Seite haben möchte, besonders ausgeprägt. Nur dann fühlt er sich geborgen und sicher in einer Beziehung.

